Schadstoffkataster beim Rückbau von Gebäuden – Bedeutung, Anforderungen und Vorgehensmodell

Der Rückbau bestehender Gebäude gewinnt im Zuge des Ressourcen-, Klima- und Gesundheitsschutzes zunehmend an Bedeutung. Ein zentrales Instrument der Planung und Gefahrenabwehr ist das Schadstoffkataster – eine systematische Erfassung, Bewertung und Dokumentation aller im Gebäude vorkommenden schadstoffhaltigen Materialien und Bauteile. Es ist Grundlage für rechtssichere Rückbauarbeiten, Kostenplanung, Ausschreibung, Arbeitsschutzmaßnahmen und die geordnete Entsorgung im Sinne des Kreislaufwirtschaftsgesetzes.


1. Rechtliche und normative Grundlagen

Ein Schadstoffkataster wird nicht nur aus gutachterlicher Sorgfalt erstellt, sondern folgt klaren gesetzlichen Anforderungen. Dazu zählen:

  • Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) und TRGS-Regelwerk
    → Pflichten zur Ermittlung gefährlicher Stoffe, Gefährdungsbeurteilung, Schutzmaßnahmen.

  • Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) und Abfallverzeichnisverordnung
    → Vorgaben zur Abfalltrennung, Abfallarten, Entsorgungsnachweisen.

  • Landesbauordnungen
    → Forderungen nach Rückbau- und Entsorgungskonzepten in Genehmigungsverfahren.

  • Normen / Richtlinien

    • VDI 6202 Blatt 3: Gebäudeschadstoffe – Erkundung, Bewertung und Maßnahmenplanung

    • LAGA M 23: Beurteilung von Bauschutt

    • DGNB/BNB-Anforderungen (bei Nachhaltigkeitszertifizierungen)

    • TRGS 519, 521, 524, 551 (Asbest, Staub, kontaminierte Bereiche, Teerprodukte)


2. Ziele eines Schadstoffkatasters

Ein vollständiges Schadstoffkataster dient dazu, vor dem Rückbau:

  • Gesundheitsgefahren zu minimieren, indem potenziell gefährliche Stoffe eindeutig identifiziert werden.

  • Arbeitsschutzmaßnahmen abzuleiten (z. B. Sachkundeanforderungen, Schutzstufen, PSA).

  • Ausschreibungen präzise und rechtssicher zu gestalten (Leistungsbeschreibungen, TRGS-konforme Verfahren).

  • Kostenrisiken zu minimieren, da Schadstofffunde oft erhebliche Mehrkosten verursachen.

  • Entsorgungswege korrekt festzulegen (z. B. DK-Deponien, gefährliche Abfälle, Recyclingströme).

  • Behördliche Anforderungen für Rückbau-, Abbruch- oder Sanierungsmaßnahmen zu erfüllen.


3. Typische im Schadstoffkataster zu erfassende Stoffgruppen

Ein modernes Schadstoffkataster umfasst u. a.:

  • Asbest (fest oder schwach gebunden) in Putzen, Spachtelmassen, Bodenbelägen, Dachplatten

  • KMF-Dämmstoffe älterer Generation (alte Mineralwollen)

  • PCB in Fugenmassen, alten Farben, Kondensatoren

  • PAK in Teerprodukten, Estrichen, Dachbahnen

  • Schwermetalle (Blei, Chrom, Cadmium) in Farben, Korrosionsschutz, Glasuren

  • Formaldehyd, Holzschutzmittel (PCP, Lindan)

  • HCKW / FCKW in Kälte- und Wärmedämmstoffen

  • Schimmel / biologische Arbeitsstoffe (ergänzendes Thema der Gefährdungsbeurteilung)

  • Ölhaltige oder chemisch kontaminierte Materialien (z. B. in Technikzentralen)

Die Bewertung folgt in der Regel einer Kombination aus visueller Erkundung, Stoffrecherche (Bauzeit, Unterlagen) und materialanalytischer Probenahme.


4. Ablaufmodell – Von der Bestandsaufnahme bis zum Rückbau

Schritt 1 – Dokumentensichtung

  • Baujahr, Planung, Materialien, frühere Sanierungen

  • Nutzungsgeschichte (z. B. Industrie, Gewerbe, Laborbereiche)

Schritt 2 – Ortsbegehung

  • Systematische Begehung aller Bauteile, Nutzungseinheiten und Installationen

  • Sichtprüfung auf verdachtsrelevante Bauprodukte

Schritt 3 – Probenahme und Laboranalytik

  • Asbest (REM/PLM), PAK, PCB, Schwermetalle, KMF

  • Interpretationsrichtwerte gemäß TRGS / LAGA / VDI

Schritt 4 – Bewertung & Gefährdungsanalyse

  • Einstufung der Materialien: gefährlich / nicht gefährlich

  • Ableitung der Schutzmaßnahmen (Schutzstufen, Absaugung, Unterdruckzonen)

Schritt 5 – Erstellung des Schadstoffkatasters

  • Bauteilgruppen

  • Lagepläne

  • Materialnummern, Bilddokumentation

  • Analysewerte

  • Entsorgungs- und Rückbauvorgaben

Schritt 6 – Rückbau-/Sanierungskonzept

  • Technische Verfahren (z. B. emissionsarm, Unterdruckhaltung)

  • Sequenzplanung der Rückbauabschnitte

  • Entsorgungsketten und Logistik

  • Anforderungen an sachkundige Personen (TRGS 519/521/524)


5. Bedeutung für Ausschreibung und Bauleitung

Ein Schadstoffkataster ist essenziell für:

  • TRGS-konforme Ausschreibungsunterlagen

  • Kalkulationssicherheit bei Bietern

  • Reduktion von Nachtragsrisiken

  • Arbeitsschutzkoordination mit Behörden

  • Dokumentation gegenüber Bauherren, Versicherern und Prüfinstitutionen


6. Fazit

Ein Schadstoffkataster ist heute ein unverzichtbares Instrument für jeden geordneten Rückbau. Es ermöglicht:

  • Rechts- und Arbeitsschutzkonformität,

  • Kosten- und Planungssicherheit,

  • ressourcenschonende Entsorgung,

  • minimierte Gesundheitsgefahren für alle Beteiligten.

Damit bildet es den zentralen technischen und organisatorischen Baustein für den sicheren Rückbau von Bestandsgebäuden.

Das dazu gehörige Fachseminar ist in der Seminarwelt des IWU Magdeburg auffindbar.